Sonntag, 5. Juli 2015

Kurzgeschichte auf dem Blog: Das Lied des Wassermanns

N'abend zusammen!

Eine Stimme für den Wassermann - ich richte mich da ganz nach euch. ;)

Viel Spaß und habt einen schönen Sonntag, startet morgen gut in die Woche und drückt mir die Daumen, dass - wenn am Dienstag die Post wieder zustellt - meine Sendungen dabei sind, damit ich euch bald die tollen Sachen zeigen kann! Danke!

~*~



Das Lied des Wassermanns
Die Waldnymphe kommt näher. Als ihre Füße die Wasseroberfläche berühren, atmet sie tief ein. Elja liebt das Gefühl des Wassers auf ihrer Haut. Doch weiter hineingetraut hat sie sich bisher noch nie.
Der Wassermann Kron beobachtet die Nymphe. Jeden Tag schwimmt er an das seichte Ufer, versteckt sich zwischen den Wassergräsern und beobachtet das kleine Wesen. Er ist angetan von ihr und ihrer Freude am Wasser. Sein Haar wiegt mit der Strömung des Baches, und er fragt sich, wie lange die Elfe bleiben wird. Heute ist Elja besonders angetan von der angenehmen Kühle, die ihre Füße umschmeichelt. Sie möchte mehr von dem Wasser spüren. Sie geht tiefer in den Bach hinein, bis ihr das Wasser über die Knie steht. Und dann noch weiter, bis sie beinahe einen nassen Po bekommt.
Kron hat sich aus seinem Versteck hinaus gewagt. Er verharrt im Wasser vor der Nymphe und wartet. Als Elja still steht, taucht er auf.
„Hallo.“ Kron spricht leise, er will die Nymphe nicht erschrecken.
Elja sieht auf und erwidert Krons Blick neugierig. Der grünhäutige Wassermann ragt bis zum Kinn aus dem Wasser. Seine Stimme ist dunkel aber wunderschön. „Hallo du“, antwortet sie.
Krons eisblaue Augen leuchten auf. Der Klang ihrer Stimme erfüllt ihn mit Wärme. Der Wassermann sieht die Nymphe mit glänzenden Augen an, und Elja lächelt. Die Sonne lässt das Wasser um sie herum glitzern und funkeln.
„Kannst du singen, Wassermann?“, fragt Elja unvermittelt.
„Mein Name ist Kron“, antwortet er.
„Ich bin Elja.“ Sie reicht ihm ihre kleine Hand. Der Wassermann nimmt sie vorsichtig mit einem Finger und haucht einen nassen Kuss auf ihre Handoberfläche. Elja lacht. „Kannst du singen, Kron?“
„Natürlich kann ich singen, aber ich weiß nicht, wie es klingt, wenn ich nicht unter Wasser bin.“
„Würdest du es für mich versuchen?“
Kron nickt und taucht bis zur Nasenspitze ab. Er überlegt und erinnert sich an das schönste Lied, das er kennt. Schließlich nickt er und kommt langsam näher. Die Nymphe steht auf und läuft an das Ufer. Kron kommt immer näher und lässt sich langsam auf den Bachsaum gleiten, genau an der Stelle, wo Elja eben noch gesessen hat. Er schiebt sich halb an Land, und Elja kann die grünen Schuppen an seinen Armen sehen. Sie sieht ihm fasziniert zu. Kron legt seine Unterarme in den Sand vor sich und bettet sein Kinn auf seine Hände.
Elja lächelt ihn an, springt begeistert vor und küsst ihn auf die Stirn. „Du bist wunderschön. So einen schönen Wassermann wie dich habe ich noch nie gesehen.“ Die Nymphe streichelt über Krons Schulter, hinab zu den Schuppen. Freundlich erwidert er ihren Blick. Elja kichert und läuft dann ein Stück auf die Wiese. Sie sucht sich ein herabgefallenes Blatt, zeigt es Kron voller Stolz und tanzt, als Kron zu singen beginnt. Der Wassermann lässt eine Melodie erklingen, die Elja bis in ihr Herz berührt. Sie schließt die Augen und wiegt sich zum Klang des Gesangs. So schön wie das kühle Wasser vor wenigen Augeblicken noch war, Krons Gesang war sicher so schön, wie alle Meere der Welt zusammen. Elja dreht sich mit dem Blatt um ihre eigene Achse, tanzt und lacht. Sie freut sich über Krons Lied und strahlt ihn an.
Der Wassermann verstummt schließlich. Als Elja sich zu ihm umdreht, um weiteren Gesang zu erbitten, sieht sie noch, wie er hastig zurück ins Wasser gleitet und untertaucht.
Elja atmet erschrocken ein, lässt das Blatt achtlos fallen und läuft, bis sie am Rand des Baches steht. Sie fällt auf die Knie und ruft nach dem Wassermann: „Kron?“, ruft sie und sieht sich um.
Sie sieht, dass Kron mit ihr spricht und sie ansieht. Sie sieht, dass sich seine Lippen bewegen, kann aber nicht hören, was er sagt. Er ist zu tief getaucht.
„Ich verstehe dich nicht!“ Elja schreit, hofft, dass Kron sie unter Wasser versteht und bedeutet ihm, dass sie ihn nicht hört.
Doch Kron schüttelt nur den Kopf. Er taucht langsam auf und keucht: „Ich kann nicht so lange an Land sein, ich brauche das Wasser.“ Kaum hat er die Worte ausgesprochen, taucht er wieder unter. Er verharrt knapp unter der Wasseroberfläche und beobachtet Elja.
„Dann komme ich eben für eine Weile zu dir!“ Die Nymphe nimmt allen Mut zusammen, wappnet sich gegen das kalte Wasser und geht dann immer weiter hinein. Es geht ihr schon bis über die Knie, als das kühle Nass ihr einen eisigen Schauer über den Rücken jagt. Elja fängt an zu zittern, geht aber weiter. Sie will Kron nicht alleine lassen. Er hat so schön für sie gesungen, da wird ein bisschen kaltes Wasser sie nicht abhalten, bei ihm zu bleiben! „Ich komme, Kron. Gleich bin ich da!“ Elja versucht zu lächeln, doch ihre Lippen zittern zu sehr, und ihre Zähne schlagen aufeinander.
So weit ist sie noch nie gegangen.
Kron sieht ihr zu, er lacht sie an. Er freut sich. Die Waldnymphe geht weiter, und als das Wasser ihre Schultern erreicht, verliert sie den Boden unter ihren Füßen. Elja kann sich heftig strampelnd über Wasser halten. „Es ist so kalt!“, keucht sie atemlos. Kron schwimmt ungeduldig um sie herum. Er taucht auf.
„Lass doch das Gestrampel, schwimm! Schwimm wie ich. Unter Wasser! Das ist wie tanzen!“
Elja versucht es, doch ihr Blick wird ängstlich. „Ich kann nicht, ich kann nicht“, winselt sie leise. Und schon verlassen sie ihre Kräfte. Sie geht unter, ganz langsam.
Kron kommt auf sie zu, lacht sie an und spricht mit ihr. Er freut sich, dass seine neue Freundin zu ihm kommt. „Siehst du! Du kannst auch unter Wasser tanzen!“ Schnell schwimmt Kron hin und her und jubelt Elja zu, es ihm gleich zu tun.
Doch Elja versteht ihn nicht. Ihre Sinne sind benebelt, und es fällt ihr schwer, die Augen offen zu halten. Als Kron sie zärtlich anstupst, atmet die kleine Wassernymphe aus.

Kron ist auf dem Weg zu der seichten Stelle, an der er Elja zum ersten Mal traf. Seit vielen Wochen sucht er täglich diesen Platz auf. Er taucht auf, schwimmt ans Ufer und legt sich an Land. Er singt, bis seine Kehle trocken wird und er zurück in den Bach muss, um nicht zu sterben.
Im Wasser singt er weiter, heisere Worte finden schnell eine Melodie. Der Klang wird vom Wasser getragen. Kron hat die Augen geschlossen und lässt sich von der Strömung treiben. Er ist traurig, dass er Elja nicht retten konnte.
Er hatte sie begleitet, als die Strömung die leblose Nymphe den Bachlauf entlang trug. Sie hatte die Augen geschlossen und reagierte nicht mehr auf ihn. Mit jedem Atemzug wurde ihm der Verlust klarer. Als sie den Bachlauf mit der Strömung verließ, die bis in den See fließt, konnte er ihr nicht mehr folgen. Im See leben andere, dort darf er nicht hin.
Er beginnt, das traurigste Lied zu singen, das er kennt.
Sein schmerzvoller Gesang erklingt und wird durch den Bach getragen. Der kummervolle Klang seiner Stimme lässt die übrigen Geschöpfe des Baches an seinem Schmerz teilhaben.
Eine der Wasserfrauen hat Kron schon oft zugehört. Jeden Tag ist sie näher gekommen. Sie bleibt immer im Hintergrund und lauscht dem traurigen Lied des Wassermannes. Als Kron verstummt und sich auf den Grund des Baches sinken lässt, kommt sie näher. „Hallo“, flüstert sie. „Wieso bist du so traurig, Wassermann?“
„Ich bin traurig, weil jemand gestorben ist, der bei mir sein wollte.“
„Wer?“, fragt sie neugierig. Sie schwimmt auf ihn zu und unterbricht seinen zur Oberfläche gerichteten Blick.
Er antwortet leise: „Elja.“
„Elja ... noch nie gehört.“
„Sie kam von dort“, erklärt Kron und deutet vage mit einer Hand zur Wasseroberfläche.
„Wusste sie nicht, dass sie hier nicht leben kann?“, fragt sie.
„Wir wussten es beide nicht.“

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