Sonntag, 24. Mai 2015

Kurzgeschichten auf dem Blog: Der Würger

Hallo zusammen!

Danke für eure Teilnahme, an der Entscheidung, welche Geschichte als erstes auf meinem Blog online geht.

Da sich die Stimmen auf »Der Würger« und »Rona« gleichermaßen verteilt haben, habe ich gewürfelt! Und gewonnen hat ... *tatatataaa* ... die Krimi-Kurzgeschichte!

Damit ich euch nicht vorab zu viel verrate, spare ich mir jegliche Erklärung und hoffe einfach, ihr habt Spaß dabei, die Geschichte zu lesen. Über eure Meinungen und Kommentare hier auf dem Blog oder bei Facbebook würde ich mich natürlich wahnsinnig freuen! :)

Die nächsten Kurzgeschichten kommen dann ohne große Vorrede. ;)

Habt einen schönen Sonntag!

~*~


Der Würger
„Was haben wir?“ Sophie Toffs klare Stimme durchbricht die konzentrierte Stille am Tatort, als Sophie die Absperrung der Spurensicherung passiert. Das gelbe Band läuft straff gespannt um den etwa viermal vier Schritte messenden Fundort der Leiche und schirmt die Beamten der örtlichen Polizei zusätzlich zur eigentlichen Absperrung von den Schaulustigen ab.
„Hallo, Sophie.“ Benedict grüßt lächelnd und deutet auf den Beamten der Spurensicherung, der sich über die eindeutig weibliche Leiche beugt. „Tom hat sie bereits untersucht. Dasselbe Muster.“
Das hatte Sophie sich bereits gedacht.
„Miss Toff“, begrüßt sie der Rechtsmediziner, ohne aufzusehen.
Sophie nickt lediglich, dann verengen sich ihre Augen. „Kann man ihr nichts überlegen?“, fragt sie verärgert und wirft einen Blick auf die Gaffer, die von dem Absperrband zurückgehalten werden. Jugendliche, allesamt damit beschäftigt, Fotos zu machen oder Videos zu drehen.
„Ben, ich will, dass keines der Bilder und Videos in Umlauf gerät.“ Sophies kühler Blick trifft ihren Kollegen.
Benedict nickt schnell.
Trotz des Umstandes, dass sie gemeinsam die Polizeischule besucht haben, steht Sophie schon einige Stufen über Ben, und er musste schnell lernen, dass Widerspruch bei ihr nicht gut ankommt. Es war nicht einfach, aber nach und nach hatte Ben verstanden, dass er sich ihr unterordnen musste.
„Ich kümmere mich darum.“
Sophie sieht ihm nicht nach, als er auf die an der Abgrenzung postierten Streifenpolizisten zugeht und die Anweisung weitergibt.
Sie kniet sich neben den Pathologen und streckt die Hand aus, um die Leichenabdeckplane höher zu ziehen. „Also, was haben wir?“, fragt sie erneut und sieht sich die junge Frau genauer an.
Der Beamte der Spurensicherung räuspert sich, bevor er seine Ausführungen beginnt: „Unser Opfer ist weiblich, weiß, zwischen zwanzig und fünfundzwanzig Jahre alt. Sie trägt keinen Ausweis bei sich. Keine offensichtlichen Wunden, ich vermute auch keine inneren Verletzungen. Tod durch -“
Sophie unterbricht ihn: „Tod durch Ersticken. Sind es dieselben Würgemale?“
„Die gleichen.“
Ihr Blick ist eisig, als sie aufsieht und Tom Tannor für einen Augenblick anfunkelt. Für diese Art Spielchen kann Sophie sich in diesen Tagen überhaupt nicht begeistern.
„Wieder der eindeutige Abdruck vom linken Ringfinger des Täters?“ Sophie holt tief Luft und zwingt sich zur Ruhe.
„Ja.“
Ihr Blick tastet den jungen Körper vor sich langsam ab. Keine Abwehrspuren, keine Kampfspuren. Nur die eindeutigen Male am Hals, die auf den Würger hindeuten, der seit einigen Wochen sein Unwesen treibt - und bisher sechs Frauen das Leben gekostet hat.
„Jetzt muss der Bürgermeister die Ausgangssperre verhängen“, meint sie leise und steht auf. Bevor sie geht, gibt sie ihre letzte Anweisung: „Ich will bei der Obduktion dabei sein und diesen Fall genau mit den anderen vergleichen. Geben Sie das weiter.“
Der Beamte nickt und Sophie wendet sich ab, um zu Benedict aufzuschließen. „Ben“, sagt sie, um ihn und sein Gespräch mit einem der Beamten zu unterbrechen, „ich fahre nach Hause, die Obduktion der Kleinen werde ich morgen überwachen. Diese Wiedererkennungswerte in seinem Muster … als würde er uns etwas sagen wollen. Ruf den Bürgermeister an. Wir brauchen diese Ausgangssperre! Die Leute müssen informiert werden und ihre Töchter und Frauen schützen.“
„Meinst du nicht, dass -“
Doch Sophie winkt ab. „Tu es einfach, in Ordnung?“

Sophie bleibt einen Augenblick an ihre Haustür gelehnt stehen, als sie in ihrer Wohnung ankommt. Sechs tote Frauen in drei Wochen. Und keine Spur, nicht ein Anhaltspunkt, welches Schwein diese Morde begangen hat.
Sophie stößt sich von der Tür ab, zieht auf dem Weg ins Schlafzimmer Schuhe und Jacke aus und bleibt vor ihrem Fenster stehen, sieht hinab auf die dunklen Straßen der Stadt. Sie öffnet ihre Bluse und lässt sie achtlos fallen, während sie ihre Hose abstreift und den Blick nicht von den dunklen Gassen Manhattans nimmt. Mit verschränkten Armen bleibt sie einen Moment stehen. „Irgendwo da draußen treibt dieser Kerl sein Unwesen, und der Bürgermeister sieht tatenlos zu … ich fasse es nicht.“ Ihre flache Hand trifft den Fensterrahmen, und das unnatürliche Geräusch wirft ein Echo in dem spartanisch eingerichteten Schlafzimmer. In Gedanken bei den wenigen Indizien und den Ähnlichkeiten der Morde geht Sophie in das Badezimmer, dreht das Wasser auf, zieht sich vollständig aus und stellt sich unter die Dusche.
Junge Frauen, im Alter von zwanzig bis dreißig. Alle langhaarig, blond oder brünett. Jugendliches Aussehen, grazile Figur. Einzelkinder, gutes Elternhaus, elitäre Schulbildung.
„Das könnte auch ich gewesen sein“, flüstert sie, bevor sie die Augen öffnet. Sophie schüttelt den Kopf. Feierabend!, denkt sie und dreht das Wasser wieder ab. Morgen wird sie wieder über diese Frauen nachdenken, jetzt will sie nur noch wie tot in ihr Bett fallen.
Sie nimmt gerade das Handtuch vom Haken neben der Dusche, als sie ein Geräusch hört. Hastig schlingt sie das Tuch um ihren Körper, verlässt leise die Duschkabine und eilt zum Spülkasten der Toilette. Es ist ein Klischee, aber Sophie weiß aus eigener Erfahrung, wie sinnvoll eine Neun-Millimeter im Badezimmer sein kann. Sie löst den halfter, der unter dem Kasten angebracht ist, dann prüft sie die Waffe, das Magazin und löst die Sicherung. Ihr Adrenalinspiegel steigt, frischer Schweiß mischt sich mit dem auf ihrem Körper perlenden Duschwasser, und ihre Atmung beschleunigt sich.
Sollte sie fragen, ob es Ben ist? Er könnte es sein, um ihr von dem Gespräch mit dem Bürgermeister zu erzählen. Doch Ben würde, anständig wie er ist, nicht den Notfallschlüssel verwenden, sondern klopfen. Und das Geräusch, das Sophie erschreckt hatte, klang nicht nach einem Schlüssel im Schloss, es klang mehr wie eine aufschnappende Tür und nach jemandem, der eine Entdeckung um jeden Preis vermeiden will.
Die Linke an der Waffe, die Rechte an der Wand tastet sich Sophie langsam zur Tür des Badezimmers vor. Durch einen Spalt linst sie in den halbdunklen Flur. Gerade als sie glaubt, nichts ausmachen zu können, hört sie erneut etwas. Mit angehaltenem Atem und vor Angst geweiteten Augen sieht sie sich bewegende Schatten, hört weitere Geräusche, Schritte, die scheinbar immer näher kommen.
Sophie zieht sich zurück, verfehlt mit einem Schritt die Badematte, rutscht auf den vom Dunst feuchten Fliesen aus und stürzt rückwärts gegen die Toilette. Sie hört die Waffe über die Fliesen rutschen, und das Letzte, was sie sieht, sind schwarze Arbeitsstiefel, die auf sie zukommen.

Die Nacht ist erst wenige Stunden alt, als die Polizeisirenen Manhattans Ruhe stören und ein Beamter der Mordkommission hastig einen Flur entlang läuft.
„Was haben wir?“ Ben betritt die Wohnung und gähnt ausgiebig. Er sieht sich um, entdeckt den Pathologen neben dem Sofa und geht dann auf Tom zu. „Tom, ist das …“
„Ja. Es ist Sophie.“
„Was ist passiert?“ Bens Gesicht spiegelt Toms Bestürzung wider. Er geht neben dem Pathologen in die Hocke, lässt Sophie nicht aus den Augen. „Das kann doch nicht wahr sein …“
„Es war der Würger, eindeutig. Sie kam wohl gerade aus der Dusche, als der Kerl sie überrascht hat.“ Tom hebt die Plane an, die über Sophie ausgebreitet wurde, und Ben erkennt ein Handtuch, das über ihrem Körper liegt. Sophies Haare sind noch nass. „Ihre Waffe ist bereits in der Ballistik, aber sie hat vermutlich nicht gefeuert.“
Ben fährt sich mit einer Hand über das Gesicht und steht auf, läuft einige Schritte durch die Wohnung.
„Wer hat uns informiert?“ Bens Frage an einen der Beamten an der Tür reißt diese aus ihrer Lethargie.
„Ein anonymer Hinweis, Sir.“
„Anonym? Wird das Haus durchsucht?“
„Ja, Sir.“
Ben nickt und kehrt zurück zu Tom, bleibt hinter ihm stehen. Der Pathologe zieht die Plane höher, doch Ben hält ihn auf. „Noch nicht, Tom. Ich möchte mich noch verabschieden. Nur eine Minute …“
Tom steht auf und dreht sich zu Ben um. Mitfühlend fällt seine große Hand auf Bens Schulter und drückt kurz zu. „Es tut mir Leid, Benedict“, sagt Tom leise und verlässt nach einem letzten Blick auf den Polizisten die Wohnung.
„Lasst mich einen Augenblick allein, Jungs.“ Bens Stimme ist dunkel und leise. Die Polizisten an der Wohnungstür tauschen einen knappen Blick und schließen die Tür hinter sich, als sie auf den Flur treten.
Ben reibt sich die Augen, streckt sich und dreht sich zu Sophie um. Wie in Zeitlupe geht er auf die Knie. Unendlich langsam streckt er die Hand aus, um seiner toten Kollegin zärtlich über die Wange zu streicheln.
Er lächelt, als er sich zurückzieht, erhebt und von Sophie zurücktritt. „Als ob er uns etwas sagen will … Nun siehst du, wie all die anderen auch, wohin euch euer Ehrgeiz bringt, Sophie“, murmelt er beinahe lautlos und dreht versonnen den goldenen, dünnen Ring an seiner linken Hand.

~*~

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